17.12.2011

Türchen 17 - Geschichte

Judith Pinnow
Das Weihnachtsessen

Ich kann Weihnachten nichts essen. Also ich könnte schon, aber ich kann nicht. Ich krieg es nicht hin. Jedes Jahr versuch ich es aufs Neue. Das kann doch nicht so schwer sein! Alle anderen können es auch. Und ich hätte halt so gerne mal ein richtiges Weihnachtsessen.
Aber da fängt es ja schon an! Was ist denn bitte ein richtiges Weihnachtsessen? Wie soll ich mich auf Ente mit Klößen und Rotkohl freuen, wenn ich weder Klöße noch Rotkohl mag? Wenn ich es nicht mag, kann es auch kein Weihnachtsessen sein, weil man doch an Weihnachten etwas essen sollte, was man wirklich gerne isst. Etwas Besonderes.
Hab ich versucht. Es gab Tacos und Enchiladas, die zum Selberrollen. Alles war bunt und mexikanisch geschmückt. Ich hatte sogar die passende Musik dazu. Es war auch ein sehr netter Abend. Nur leider überhaupt nicht weihnachtlich. Man kann am 24. Dezember nicht mexikanisch essen, wenn man so etwas wie Weihnachtsgeist im Leib hat
Und das habe ich. Das habe ich wirklich! Ich kann es sogar beweisen:
Meine Freundin Luise und ich, wir backen in der Adventszeit immer Plätzchen.
Irgendwelche aus Fertigteig, wichtig ist nur, dass meine Kinder ausstechen können. Und unsere Liste ist wichtig. Da stehen Regeln drauf. Dinge wie:
Du sollst Prosecco trinken.
Du sollst eine Schürze tragen.
Du sollst ununterbrochen Weihnachtslieder hören.
Du sollst Mehl an der Nase haben.
Und dann backen wir und die Kinder stechen aus, bis sie keine Lust mehr haben und Luise und ich alleine in der Küche übrig bleiben. Wir trinken noch mehr Prosecco und reden über Männer und Kinder und den Sinn des Lebens, der ja irgendwo dazwischen liegen muss. Die Plätzchen werden fertig - das ist das Schöne an Plätzchen, dass man sie nach zehn Minuten schon aus dem Ofen holen kann. Wir probieren sofort und verbrennen uns die Lippen dabei. Es riecht nach Zimt, die Weihnachts-CD von Rolf Zuckowski läuft das dritte Mal durch, ich hätte längst Abendbrot machen müssen. Aber wir trinken Tee und noch ein letztes Gläschen Prosecco und tunken Fertigteigplätzchen in heiße, glänzende, geschmolzene Schokolade. Verzieren und reden und lachen und vergessen die Zeit. Das ist für mich Weihnachten. Aber ich kann am Heiligen Abend doch nicht nur Plätzchen essen!
Wochen vor Weihnachten bringen alle Zeitschriften Weihnachtsmenüs raus. Da gibt es Trüffelkaninchenkeule an Wirsingpfirsischparfait. So was würde ich auch unheimlich gerne mal kochen, aber doch nicht an Weihnachten! Ich will am 24. Dezember "Warten aufs Christkind" im Fernsehen schauen und geheimnisvoll mit Geschenkpapier rumrascheln. Ich will in die Kirche gehen und allen lieben Nachbarn eine Kleinigkeit vor die Tür legen. Dann muss ich noch für meine Kinder das Christkind spielen, also heimlich alle Geschenke unter den Baum legen, Kerzen anzünden und Glöckchen läuten. Das Liederbuch muss am Kavier bereitliegen, der Hund muss eine goldene Schleife tragen. Da hab ich wirklich keine Zeit, auch noch drei Stunden in der Küche zu stehen.
Deshalb gibt es ja bei vielen Familien Würstchen mit Kartoffelsalat. Das ist aber nichts für mich. Es ist mir nichts festlich genug. Es gibt kein Weihnachtsessen, das zu uns passt. Die Schweinelendchen voriges Jahr waren mein letzter Versuch. Mein Mann und ich fanden die auch lecker und festlich. Das hilft aber nichts, wenn drei Kinder am Tisch sitzen, die aussehen, als würden sie das Essen gleich wieder auf den Teller spucken.
Ich hab trotzdem eine Lösung: Ich glaube an Traditionen. Es ist ab sofort ganz einfach bei uns Tradition, dass wir an Weihnachten nicht wissen, was wir essen sollen. Traditionell werde ich also irgendwas kochen, was wir dann alle nicht wirklich mögen.
Wenn wir lange genug am Tisch in unserem Weihnachtsessen rumgestochert haben, setzen wir uns unter den Baum und essen schließlich doch die selbst gebackenen Plätzchen.
So viel Weihnachtsgeist muss sein!



Zum Glück hat sie noch eine Lösung gefunden. ;)

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